Dienstag, 28. Juni 2016

Ich in WDR Print (12)


Glosse
CHRISTIAN GOTTSCHALK
SHOPPEN ODER SCHOPPEN?


Woran merkt man eigentlich, dass wir Hochsommer haben? Teilweise am Wetter. Und daran, dass die ARD gebrauchte Tatorte versendet. Guckt ja keiner Fernsehen, sind ja fast alle im Urlaub. Was stimmt. Denn Hochsommer ist, wenn es in Köln Parkplätze gibt.

Ich bin urlaubsreif. Kann aber gerade nicht weg. Beim Zappen bleibe ich ständig sehnsüchtig vor Reisereportagen hängen. Über Madeira oder Kuba, und neulich war ich mit Stefan Pinnow auf Juist. Sehr erholsam. Ich gucke mir sogar Ratgeber-Sendungen über Reisekostenrückerstattung wegen schimmeliger Pools an, einfach um meinen Neid zu bändigen. Ich bin so verzweifelt, ich würde sofort mit dem vermaledeiten Traumschiff fahren und mich anschließend in die Klinik unter Palmen einliefern lassen.

Als Kind begann für mich der Urlaub mit einem grässlichen Bonbon. Dieses Bonbon, außen fest und innen mit einem fiesen weichen Kern, verteilten die Stewardessen an alle Fluggäste gegen den Ohrendruck. Und dann flogen wir nach Bulgarien (Goldstrand), Rumänien (Sonnenstrand) oder Mallorca, je nachdem was meine Eltern aus dem Katalog ausgesucht hatten. Wir wohnten in riesigen Hotels (Begrüßungscocktail inklusive), buddelten uns fürs Foto gegenseitig im Sand ein und spielten auf Luftmatratzen Piraten. So also, dachte ich, geht Urlaub.

„Die schönsten Wochen des Jahres“, sagt man ja, um zuvor auch ordentlich Druck aufzubauen. Viele Beziehungen überstehen den ersten Urlaub nicht, weil es vorher schon mal eine schönere Woche gab. Und: Was heißt schon schön? Vollrausch in der Schinkenstraße, Shoppen in New York, Schoppen an der Mosel?

„Urlaub ist, wenn man 14 Tage lang ganz andere Probleme hat“, pflegte mein alter Kumpel K. zu sagen. Demgemäß gestaltete ich früher meine Reisen so, dass ich Fortbewegungsmittel und Gegend in Abenteuer versprechenden Kombinationen plante. So bereiste ich Tunesien statt auf einer aufgepumpten Riesenbanane mit dem Fahrrad und kam recht schnell mit der Landbevölkerung ins Gespräch. Die diese Idee eher befremdlich fand.

Die Urlaubszeit, das waren damals tatsächlich fernsehfreie Wochen. Heute haben wir meistens eine Ferienwohnung, da lasse ich es mir natürlich nicht nehmen, das ausländische Fernsehprogramm zu testen. Weihnachten in Madrid habe ich drei Stunden lang die Ziehung der Weihnachtslotterie verfolgt und außer „Mille Euro“ kein Wort verstanden. Aber es war faszinierend! In Italien kann man an den Dekolletés der Moderatorinnen erraten, welcher Sender Berlusconi gehört. Und wer einmal „Sturm der Liebe“ auf bulgarisch gesehen hat, will nie wieder das Original anschauen, allein der Titel klingt viel aufregender: „Wetrowete na Ljubowta“.

Christian Gottschalk (nach Diktat leider nicht verreist)

Erstabdruck in WDR Print



Illustration: von Zubinski
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Mittwoch, 15. Juni 2016

Ich in der taz (9)

O.K., es sind 4,5 MILLIARDEN Jahre, aber sonst stimmt alles! Oben klicken und zur taz gelangen.

Donnerstag, 2. Juni 2016

Wie ich ein Hausbesetzer wurde


Erstabdruck in "Die Stadt, das Land, die Welt verändern! Die 70er/80er Jahre in Köln - alternativ, links, radikal, autonom" KiWi-Köln 2014

Nun saß ich neben diesem langhaarigen Typen, den ich vorher nie gesehen hatte, auf dem Beifahrersitz eines alten Hanomag. Er fuhr zügig durch Köln, drehte sich gleichzeitig Zigaretten und schimpfte vor sich hin. Das Auto hatte keine Sicherheitsgurte. Während ich mir ausrechnete, dass es statistisch gesehen unwahrscheinlich war, dass wir genau jetzt, an diesem 27.03.1985, in einen tödlichen Verkehrsunfall verwickelt würden, hielt ich meinen Ellenbogen aus dem Fenster und versuchte möglichst lässig zu wirken. Der LKW gehörte der SSK. Ich war 20 Jahre alt, ich hatte Osterferien und war auf dem Weg zu meiner ersten Hausbesetzung.

Nichts zu verlieren

24 Stunden vorher hatte ich noch bei meinen Eltern in Frechen gewohnt, erst ein halbes Jahr zuvor waren wir aus Hannover ins Rheinland gezogen. Ich hatte meine Ausbildung zum „Staatlich anerkannten Erzieher“ an der Fachschule für Sozialpädagogik in Longerich begonnen und Bronsky, ein Kumpel von der Schülerzeitung, hatte gefragt, ob ich mitkäme. Ein Haus besetzen. In Köln. Als am Vorabend Bronskys Anruf gekommen war, ich hatte gerade Spätschicht in meinem Nebenjob als Aushilfshausmeister in der Volkshochschule Frechen, war mir die Entscheidung leicht gefallen. Ich wollte ohnehin bei meinen Eltern ausziehen, doch mir fehlte das Geld für die Miete. Im Notfall hätte ich ja immer noch in mein holzgetäfeltes Dachzimmer im geklinkerten Frechener Reihenhaus zurück gekonnt. Das ist die bürgerliche Version von „Freiheit ist ein anderes Wort dafür, nichts zu verlieren zu haben“. Noch in der Nacht, nach der Arbeit, teilte ich meinen Eltern die Neuigkeit mit und packte meinen orangenen Gestellrucksack. Klamotten für etwa eine Woche, Zahnbürste, Handtuch und Emailkaffeebecher. Am nächsten Morgen fuhr ich mit der Linie 2 zum Rudolfplatz. Der Treffpunkt war eine Wohnung in der Zülpicher Straße, neun Uhr.

Hausschlüssel vom Steuerberater

Ich war neu im Rheinland und wusste noch nicht, dass Uhrzeiten hier mehr so unverbindliche Vorschläge sind, vor allem bei Hausbesetzers. Um fünf vor neun klingelte ich, nach einiger Zeit öffnete mir meine Klassenkameradin Gesa verschlafen die Tür. Ich betrat eine kleine vollgestellte Wohnung, da war noch ein Typ, der sich als Martin vorstellte. Martin machte Kaffee und wir warteten.

Der Zeitplan für die Aktion schien nicht allzu stringent zu sein. Vielleicht wurde er mir aber aus Geheimhaltungsgründen auch einfach nicht mitgeteilt. Irgendwann trudelten Bronsky und der Maat ein, den ich auch von der Schule kannte. Der Maat war okay, aber Bronsky und ich wollten nicht unbedingt mit ihm in einer Wohnung wohnen. Deshalb hatten wir als dritten Mann für unsere WG Heinz eingeplant.

Heinz und Bronsky machten an der Schule, an der ich Erzieher lernte, ihr Fachabitur, wir hatten zusammen die Schülerzeitung gegründet und uns auf Anhieb gut verstanden. Wir hatten einen ähnlichen Humor.

Martin klärte uns ein wenig über das Haus auf: Ein im Erdgeschoss ansässiger Steuerberater hatte den Hausschlüssel des ansonsten leer stehenden Hauses bei der SSK abgegeben, weil er fand, die seien für Besetzungen zuständig. Eine Hausbesetzung mit Schlüssel also. Gefiel mir ganz gut, denn es klang weniger kriminell und weniger kriminell schien mir weniger gefährlich. Man muss ja bedenken, ich war ganz neu in der Branche: Bis zu jenem Tag hatte ich an zwei oder drei Friedensdemonstrationen teilgenommen und eine Broschüre über Anarchismus gelesen. Außerdem besaß ich den Comic „Marx für Anfänger“.

Als dann irgendwann jemand gesucht wurde, der mit zur SSK fährt, Matratzen holen, hatte ich mich direkt gemeldet. Jetzt kurvten wir also durch Köln, denn es war seinerzeit so üblich, dass die SSK die Matratzen für die Hausbesetzungen lieferte. (Erst später fand ich heraus, dass es sich bei unserer Besetzung um eine offizielle SSK-Besetzung handelte, inklusive aller damaligen SSK-Regeln, wie dem Alkoholverbot.)

Mit den Matratzen im Möbelkoffer parkten wir den LKW irgendwo in Nippes. Offenbar gab es doch eine Art Plan: Tür auf, reingehen, Transparent raushängen. Es war dabei wichtig, das Transparent herauszuhängen, bevor die Polizei da war, weil es einem eine Art Rechtssicherheit gab. Es war dann Hausfriedensbruch und damit ein Antragsdelikt und die Bullen mussten erst mal einen Verantwortlichen finden, wenn sie räumen wollten. Oder so ähnlich. Irgendwie galt mit Transparent außerdem die „Kölner Linie“, die besagte, dass die Polizei ein Haus erst räumt, wenn der Besitzer nachweisen kann, was er damit vorhat. Das hatte unter anderem damit zu tun, dass ein Haus, das nach der Räumung weiterhin leer gestanden hätte, mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit bald wieder besetzt gewesen wäre. Köln war in den 80ern eine Hausbesetzerhochburg.

„Hereinspaziert“

Die Gruppe war mittlerweile auf etwa 20 Leute angewachsen. Wo die alle herkamen, wer dort auf Dauer wohnen wollte und wer UnterstützerIn war: Ich wusste es nicht. Ich kannte nur Bronsky, Heinz, Gesa und den Maat. Und seit dem Morgen auch Martin, der einen sehr vernünftigen Eindruck auf mich machte, was ich beileibe nicht von allen Personen sagen konnte, die an dieser Aktion teilnahmen. Einige Leute kamen mir regelrecht gefährlich vor. Wenn die meine zukünftigen Mitbewohner sein sollten, wäre Frechen vielleicht doch eine Alternative gewesen.

Es war soweit: Wir schlossen mit unserem Hausschlüssel die Tür auf. Drinnen standen wir vor einer verschlossenen Wohnungstür. Heinz – ebenso wie ich hatte er seinen ersten Arbeitstag als Linksaktivist, ich kannte ihn bisher als feinsinnigen Lyriker – trat sie beherzt ein. Der Türrahmen löste sich aus der Wand, es staubte. „Hereinspaziert“, sagte Heinz, seine Stimme überschlug sich vor Aufregung und Glück.

Ich glaube, in dem Moment als er seine erste Tür eintrat, hatte Heinz eine Grenze überschritten. In dem Moment hat er sein altes Leben verlassen und ein neues begonnen, in dem das Gesetzbuch nur noch eine Preisliste darstellt. Eine Welt voller Möglichkeiten. Wir rannten zum Fenster und hingen unser Transparent raus. Das Haus war besetzt. Auf dem Transparent stand „Wieder bewohnt“. Heinz trat weiter Türen ein, solange, bis alle Wohnungen offen waren.

„Scene“

Bronsky, Heinz und ich einigten uns auf eine Dreizimmer-Wohnung im zweiten Stock. Diese Wohnung blieb von dem Tag an für drei Jahre mein Zuhause. Wir wurden alle linksradikal und ich fing an zu rauchen. Martin, der alte Hase, redete immer viel von der „Scene“. Als ich abends wagte, ihn zu fragen, was „Scene“ eigentlich sei, sagte er: „Scene ist, wenn du immer dieselben Leute triffst.“ In den folgenden Jahren sollte sich herausstellen, wie recht er hatte.

Wer auf die Idee gekommen war, „Wieder bewohnt“ statt „Besätzt“ mit Kreis ums Ä auf das Transparent zu schreiben, weiß ich nicht. Für unseren Ruf in der Szene war es anfangs nicht so gut. Es gab einige Diskussionen um diese Formulierung. Es sei nicht kämpferisch, hieß es, irgendwie anbiedernd. Eine verständliche Reaktion von Leuten, die „Den Häuserkampf als Klassenkampf begreifen“ auf ihre Flugblätter schrieben. Dennoch waren wir von dem Tag an Bestandteil der Hausbesetzer-Szene, auch wenn wir anfangs als „Schülerbesetzung“ nicht so richtig ernst genommen wurden. Später hatten wir den Ruf, „das undogmatische Haus“ zu sein. Die meisten von uns, ich eingeschlossen, begriffen sich als Autonome. Ich liebte meine WG.

Mein Leben hatte sich verändert. Der Umzug von Hannover nach Frechen bekam einen Sinn. Ich lernte Leute kennen, die ich interessant und aufregend fand. Ich rief in Sprechchören und war einer Meinung. Das erste Mal fand ich eine Gruppe so gut, dass ich mich kleidete wie sie. Zumindest teilweise. Ich erlebte praktische Solidarität, als Leute von der SSK vorbeikamen und meine Fenster strichen. Ich war beeindruckt, als ich das erste Mal sah, wie Leute entschlossen einen Gefangenen aus den Armen der Polizei befreiten. Ich tanzte freundlichen Autonomenpogo und lernte die Zellen im Keller des Polizeipräsidiums kennen. Ich war in Wackersdorf einmal schneller als die Bullen. Ich lernte neue Tabus kennen (trotzdem tanzten die Frauen zu den Zeilen „Money for nothing – chicks for free“). Ich lernte, wie AnarchistInnen Macht ausüben. Ich traf Verrückte, linke Spießer, Drogensüchtige, Aufschneider, Aufreißer, Altlinke und Jungpunks. Ich traf Stalinisten, Maoisten und Trotzkisten – und -innen. Ich traf „Weizen-Werner“, „R4-Karl“ und „Drei-Finger-Jo“.

Ich gewöhnte mich daran, mehr zu trinken, als gut ist. Ich nahm an jeder Demonstration teil. Ging zu jeder Hausbesetzung. Und ich traf Leute, mit denen ich über all das lästern konnte. Ich schrieb kurze Zeit für die Autonomen-Zeitung Agitare Bene (s. Manfred Lontke und Jörg Händel, in Kap. 8), bis man meine Texte vorher sehen wollte, und sammelte erste Bühnenerfahrung im Autonomen Zentrum Weißhausstraße.

1400 Mark Miete

Eine Zeitlang versuchten wir, Flugblätter zu schreiben, die der Bürger auch versteht. Wir gründeten eine Gruppe dafür. Ich erinnere mich an eines, das den Sinn von Hausbesetzungen als Kampf gegen Vertreibung durch Luxussanierung erklärte: „Dann kosten die Wohnungen 1000 Mark. Das können sich nur noch Ärzte und Lehrer leisten.“

Die Wohnung, in der meine Frau und ich heute wohnen, kostet 700 Euro, das sind 1400 Mark. Was die Mietpreisentwicklung angeht, hatten wir verdammt recht. Auch in einigen anderen Fragen lagen wir nicht allzu weit daneben.

Wenn Sie heute einen unauffälligen Herrn mittleren Alters über die Mittelstraße gehen sehen, der mit leicht verträumtem Blick an Schaufenstern vorbeischlendert, bedenken Sie: Vielleicht träumt er nicht davon, die wertvollen Auslagen zu besitzen, sondern davon, dass mal wieder jemand kommt und hier die Scheiben einschmeißt. Einfach so. Es sei denn, bei der Auslage handelt es sich um ein Paar exquisiter Herrenschuhe.