Donnerstag, 5. Mai 2016

Ich in WDR Print (10)

Glosse
CHRISTIAN GOTTSCHALK 
SCHÖN-WETTER-FERNSEHEN
Meine Oma zog einfach das Rollo runter, wenn die Sonne blendete. In diesem Haushalt wurde schlicht bei jedem Wetter ferngesehen. Von so etwas Lästigem wie „schönem Wetter“ ließ man sich den Sonntagnachmittag nicht durcheinanderbringen. Die beiden Tanten in der westfälischen Golden-Girls-WG saßen auf dem Sofa. Meine Oma thronte im Fernsehsessel, einem monströsen Möbel mit ausfahrbarer Fußstütze. Der Fernseher hatte eine Fernbedienung mit Kabel. Oma musste den Käpt‘n-Kirk-Kommandosessel also nur selten verlassen. Wenn wir da waren, halfen wir ihr dabei. Dazu wurde die Rückenlehne in eine aufrechte Position gebracht, und mein Bruder und ich zogen kräftig an den Armen der beleibten Dame, so lange, bis sie ächzend mit knirschenden Knien auf ihren Panto eln stand.
Bei Sonnenschein Fernsehen zu schauen, ist bei uns Familientradition. Doch beim Rest der Bevölkerung war das Fernsehen immer eher ein Abend- und ein Wintermedium, weil das Gerät schließlich in der guten Stube steht, wo nur die Stubenhocker hocken. Im Frühling und Sommer hält man sich gerne draußen auf, in den Biergärten und Parks, im Garten oder zumindest auf dem Balkon. Ausnahmen sind große Sportereignisse, wie zum Beispiel die Tour de France. Zum Tour- de-France-Gucken darf der Fan sogar vormittags bei gutem Wetter den Fernseher anmachen. Das ist normal. Ich selber interessiere mich eher für kleinere Sportereignisse wie Up-Hill-Motocross: Leute heizen mit dem Motorrad einen steilen Hang soweit hoch, bis sie umkippen. Wer aber sagt, er habe leider gerade keine Zeit zum Arbeiten, weil ein wichtiger Up-Hill-Motocross-Lauf im Fernsehen läuft, gilt als etwas verschroben. Einer Gruppe irrer Radfahrer stundenlang beim Um-die-Wette-durch- die-Alpen-Strampeln zuzusehen, ist dagegen normal. Verrückte Welt.
Mittlerweile kann man den Aufenthalt an der frischen Luft und das Fernsehen verbinden. Um den Fernseher meiner Oma zu bewegen, hätte es zwei professionelle Möbelpacker gebraucht (und für den Sessel drei). Auf dem Telefon, Tablet oder Laptop können wir fernsehen, wo immer wir wollen. Mit einem Smartphone mit eingebautem Mini-Beamer – ja, das gibt es schon! – verwandelt sich, zumindest mit der Dämmerung, jeder Hinterhof in ein duftes Open-Air-Kino.
Man könnte also beim geselligen Grillen im Park den Eurovison Song Contest auf die Kühltasche beamen. Der nächste Schritt wäre dann wohl, dass alle ihre Handys in die Virtual-Reality-Brille einklinken. Dann liegen sie auf der Decke im Park und fliegen durch unendliche Weiten, auch ohne Drogen. Und wenn sie die Brille wieder abnehmen, ist die Kühltasche weg – weswegen diese Outdoor-Aktivität sich nicht durchsetzen wird. Vielmehr prophezeie ich: Aus dem Wohnzimmer wird bald ein Holo-Deck. Dort schaffe ich mir dann die perfekte Illusion des Wohnzimmers meiner Oma. Ich sitze in diesem riesigen Fernsehsessel und schaue auf einem Röhrenfernseher „Am laufenden Band“. Wenn draußen die Sonne scheint, stelle ich das Wetter einfach auf „mittel“.

Illustration: von Zubinski


Mittwoch, 30. März 2016

Ich in WDR Print (8)


PREISWERTES IM ANGEBOT

Im Kopf hatte ich meine Dankesrede schon mehrmals geschrieben.
Ich glaube alle jungen Männer mit künstlerischen Ambitionen
machen das so. Ich war 26 und mein erster Text war veröffentlicht,
man will ja vorbereitet sein. Also dankte ich dem Nobelkomitee für
seine Weisheit, wollte dann aber nicht überheblich sein und schrieb
die Rede nochmal ein bisschen um. Der Friedenspreis des Deutschen Buchhandels sollte für einen Debütroman erst mal reichen.

Ein Vierteljahrhundert später ist der Debütroman noch nicht
ganz fertiggestellt. Zeitmangel. Aber ich gucke furchtbar gerne Preisverleihungen im Fernsehen. Beim Oscar bin ich leider eingeschlafen, bevor die Show losging, obwohl die dummen Fragen von Annemarie Carpendale am roten Teppich meinen Puls ordentlich auf Trab gebracht hatten. Warum über Nebensächlichkeiten wie Filme oder Rassismus reden, wenn man Whoopie Goldberg auch nach ihren Schuhen fragen kann? Die neue sprechende Barbie von Mattel hätte vermutlich intelligentere Fragen gestellt. Sie strahlt übrigens auch mehr menschliche Wärme aus.
Bei den Oscars geht es um Emotionen, um die Freudentränen der fassungslosen „Winner“ und das versteinerte Lächeln derjenigen, die nur Nominierte bleiben. Und um die Kernkompetenz Hollywoods, die ganz große Show. Beim Grimme-Preis, dem intellektuellen Oscar aus dem Ruhrgebiet, geht es um Kunst. Deshalb werden die Gewinner im Rahmen einer kleinen Pressekonferenz einen Monat vor der Preisverleihung bekannt gegeben. Mehr so ein Verwaltungsakt. Bis zur Gala haben sich alle wieder im Griff und Tränen im Fernsehen bleiben uns erspart. 

Jetzt freue ich mich auf die Echoverleihung. Da wäre ich gerne
auf der After-Show-Party, weil Künstler aus allen Genres aufeinander treffen. Bestimmt eine tolle Stimmung, wenn Helene Fischer und Madonna mit Nusslikör anstoßen oder zu später Stunde am Bierpilz Deichkind und die Kastelruther Spatzen beschließen, das man „unbedingt mal was zusammen machen muss“.

Mich langweilt mittlerweile die Vorstellung, in meiner Dankesrede
meine Rolle als großer Mahner der Republik zu betonen.
Deshalb habe ich in Gedanken begonnen, Preise abzulehnen. Bei
der goldenen Kamera schimpfte ich über die „Bild“ und den Springer-Verlag, beim Bambi über Burda. Sie hätten Maria Furtwänglers Gesicht sehen sollen! 

Es gibt natürlich noch die Didi Hallervorden Methode: Preise annehmen, aber beleidigt sein, dass man sie nicht früher bekommen hat. Eine Option, die ich mir offen halten will.

Denn bis heute habe ich meine Rede nicht gebraucht, auch nicht
nachdem ich sie für die „Frechener spitze Feder“, den „Rösrather
Kabarettpreis“ und den „Lyrik-Award für heitere Versdichtung der
Kreisparkasse Oberhessen“ noch einmal optimiert hatte. Bald bin ich im „Lebenswerk“-Alter. Vielleicht geben sich das Nobelkomitee oder die Fachjury der Kreissparkasse Oberhessen ja doch noch einen Ruck.

Mittwoch, 2. März 2016

Ich in WDR Print (7)


Die Leute würden ja in der Straßenbahn nur noch auf ihre Smartphones glotzen, schlimm wäre das, beschwerte sich neulich
ein Kollege. Dabei war früher – bevor man die Rechenleistung
eines 2,5 Tonnen schweren Supercomputers von 1985 bequem in
der Hosentasche tragen konnte – die Straßenbahn auch kein Ort
der Begegnung, wo Wildfremde regen Gedankenaustausch pflegten.

Damals starrte man halt stur vor sich hin oder las Zeitung.
Auch da gab es schon Menschen, die das „ein Stück weit irgendwie
schon arg traurig“ fanden. Ich starre gern vor mich hin. Und heute,
da in den sozialen Netzwerken ständig Fremde ihre Gedanken
austauschen, weiß ich: Das ist auch besser so.

1995 kam ich zum ersten Mal in Kontakt mit diesem Internet.
Damals konnte ich das aktuelle Wetter auf Hawaii anschauen, es
dauerte eine Dreiviertelstunde, bis sich das Bild aufgebaut hatte. Es
war ein kleines Bild. Mit etwas Glück fand ich noch die Öffnungszeiten und die Fax-Nummer eines technikbegeisterten Metzgers in Nürnberg heraus, der einen mit den Worten: „Willkommen auf der Datenautobahn“ empfing. Eine Welt, in der man auf einer Autobahn surft, ergab für mich nicht viel Sinn. Ich gab dem ganzen keine große Chance und schrieb einen lustigen Artikel darüber, dass es dem Internet ergehen würde wie vielen Weihnachtsgeschenken: In ein paar Wochen läge es in der Ecke. Mir fehlt es wohl ein wenig an Vorstellungskraft. Heute komme ich mir vor wie der Typ, der gesagt hat, das Automobil habe keine Zukunft, allein wegen des Mangels an Chauffeuren. Habe ich übrigens im Internet gelesen, wer war das nochmal, Kaiser Wilhelm? Ohne Internet hätte ich das nie gewusst. Nur Dank des www weiß ich auch, wie mein Elfenname lautet oder welche Kardashian ein Selfie im Badezimmer gemacht hat. Wer hätte vor 20 Jahren geahnt, dass eine Technik, die zunächst für militärische Zwecke, dann zur Vernetzung von Universitäten und Forschungseinrichtungen eingesetzt wurde, schließlich als Poesiealbum, Bahnhofskino, Volkslexikon, Tageszeitung, Fernseher, Einkaufsparadies, Spielhölle, allwissende Mutter und monumentale Gerüchteküche für alle dienen würde?

Ich weiß gar nicht mehr, wann ich aufgehört habe, eine
Recherche entweder in der Bibliothek oder mit einem Anruf bei
einem Kollegen, der eventuell Ahnung haben könnte, zu beginnen.
Wahrscheinlich mit dem Aufkommen von „AltaVista“, der
besten Suchmaschine der Welt, die heute etwa so bekannt ist wie
die Gewinnerin der dritten Big-Brother-Staffel, Karina (steht bei
Wikipedia).

Auch der WDR hat mittlerweile ein riesiges Angebot im
Internet. Gibt man in die Suchmaske Kardashian ein, erh.lt man
117 Treffer, von denen die meisten 1LIVE zu verantworten hat. Die
Suche nach „Katzenvideo“ führt nur zu einem einzigen Eintrag:
einem Servicezeit-Beitrag über Werbeblocker. Daran erkenne ich
heute ein seriöses Angebot im Web.