Montag, 17. November 2014

Logen die Archäologen?

Ich war neulich zum Poetry-Slam im Archäologischen Museum in Freiburg eingeladen, um etwas zum Thema der Ausstellung "Ich Mann. Du Frau. Feste Rollen seit Urzeiten?" beizutragen. Trotz des winzigen Honorars schrieb ich extra einen Text, freilich ohne von der Ausstellung mehr zu kennen als die Pressemitteilung. Jetzt lese ich einen Artikel in der "Welt" über die Ausstellung und finde: Ich war ganz schön nah dran. 


Es hatte als normale Partydiskussion angefangen, ich glaube ich hatte irgendwas über Mario Barth gesagt, doch langsam wurde das Gespräch etwas hitziger. Das sei halt so, sagte Bronsky, seit Jahrtausenden in den Genen festgeschrieben, er könne doch auch nichts dafür, er sei halt ein Mann, ein Jäger und kein Sammler, er wäre doch nicht gleich ein Nazi, nur weil er fände, eine Frau könne auch mal schön daheim die Höhle fegen und das Feuer und die Kinder hüten, während er in der Firma quasi die Bären erlegen würde, im übertragenen Sinne, oder bei seinem anstrengenden Job vielleicht eher das Mammut, bildlich gesprochen. Deshalb wären Frauen ja auch multitaskingfähig, das wisse doch mittlerweile echt jeder, weil die gleichzeitig Kinder auf dem Arm tragen und kochen können müssten, seit der Steinzeit ginge das schon so und Männer könnten schon wegen der Evolution nicht treu sein, weil sie ihr Erbmaterial streuen wollten, der Arterhaltung wegen. Und die Frauen von heute wüssten ja auch nicht was sie wollten, das würde die Männer ja teilweise total verunsichern, weil die den halbschwulen, babysittenden, Pflegeprodukte benutzenden Hausmann wollten, der aber auch gut im Bett wäre und er würde da nicht mitmachen. Steak, Bier und BMW, das wäre sein Motto. Und er brauche ein Rasierwasser, das ordentlich zwiebelt, wenn man es sich mittels kräftiger Ohrfeigen auf die Wangen klatsche, nicht so einen Weichei-Nivea-Scheiß.


Hatte ich echt Nazi gesagt oder hatte er sich das eingebildet, ich schieße da tatsächlich manchmal etwas über das Ziel hinaus. Also sagte ich: Vielleicht nicht Nazi, aber schlecht informiert. Es gäbe da im Archäologischen Museum in Freiburg eine hochinteressante Ausstellung, die seine Theorien von der vermeintlich natürlichen Ordnung der Dinge widerlegen oder zumindest doch arg in Frage stellen täte, und zwar sehr arg. Neueste wissenschaftliche Erkenntnisse führender internationaler Koryphäen würden da auf das Anschaulichste dargestellt, hochinteressant! Da ich die Ausstellung gar nicht gesehen hatte, ich kannte nur die Pressemitteilung, musste ich von nun an ein wenig improvisieren. Also mein lieber Freund und Kupferstecher, hub ich an, man habe nun mit hochmodernen CSI- und auch Bones-Methoden ganz typische Abnutzungen an weiblichen Schultergelenken aus der Steinzeit gefunden, die auf den häufigen Gebrauch von Speeren schließen ließen. Außerdem Verletzungsmuster eindeutig zu Lebzeiten verheilter Wunden die Hinweise auf gewonnene, ich betone, gewonnene Kämpfe gegen Säbelzahntiger gäben. Bei Frauen. Ja, da gucke er, Bronsky, dumm aus der vermutlich von seiner alten Mutter gewaschenen Wäsche, wenn ich ihn da mal eben mit den Mitteln der reinen Wissenschaft mir nichts dir nichts in Erklärungsnot brächte.

Und übrigens: Neueste Forschungen sprächen von schwulen Aktivitäten schon bei Urmenschen, die in erst jetzt entdeckten sogenannten Darkhöhlen dem anonymen Sex gefrönt hätten. Wie gesagt manchmal schieße ich etwas über das Ziel hinaus. Also wechselte ich schnell auf eine andere Erklärungsebene, um ihn zu verwirren. Ob ihm nie in den Sinn gekommen sei, dass der Blick der Forscher ja auch stets durch den Zeitgeist getrübt sei. Im Mittelalter hätte man römische Häuser ausgegraben und das System der Fußbodenheizung nicht kapiert, wozu diente also diese kleine Zwischenetage? Zeitgenössische Gelehrte fanden es heraus: Dort wohnten die Hauszwerge. Hauszwerge, Bronsky, eine andere logische Erklärung hatten sie nicht. Leider hatte Bronsky mir ganz gegen seine Gewohnheit zugehört und polterte: Genau. Der Zeitgeist, da würde ich es doch selber sagen, wegen dem verdammten Zeitgeist gäbe es jetzt auf einmal Steinzeit-Emanzen und schwule Höhlenmenschen, das seien quasi die Hauszwerge der modernen Zeit. Er würde mir jetzt mal zeigen, wie Steinzeit ginge.


Ich sagte, er habe vermutlich auch noch nie von vereinzelten matriarchalen Strukturen in der frühen Eisenzeit in der Gegend um Jena gehört, brütenden Pinguinmännchen, gelegentlicher partnerschaftlicher Kinderbetreuung bei den Wikingern, bei Wicky zum Beispiel, oder den Amazonen von Aurich, die jetzt auf Höhlenzeichnungen aus dem Mittelpaläolithikum aufgetaucht seien...Doch er hörte mir schon lange nicht mehr zu. Er hatte Kontakt zu einem weiblichen Exemplar seiner Art aufgenommen und war im Baltzmodus. Wahrscheinlich erzählte er ihr gerade einen Witz von Mario Barth, denn sie lachte auf so eine aufgesetzte mädchenhafte Art und schüttelte ihr Haar dabei. Mit seiner primitiven Macho-Masche hatte Bronsky irgendwie immer Erfolg. In der Steinzeit waren wir irgendwie gendertechnisch schon mal weiter. „Evolution am Arsch“ dachte ich, als er kurz darauf eine kichernde Blondine auf der rechten Schulter aus dem Raum trug. Evolution am Arsch.

Dienstag, 14. Oktober 2014

Buchreleaseparty am 22.10.

Endlich! Der Berliner Periplaneta-Verlag bringt Christian Gottschalks Geschichten als Buch heraus: Mit CD-Beileger mit Liedern und Geschichten und einem Mitgliedsausweis der Vereinigung der Freunde des Münzfernglases. Das wird mit einer Lesung, Liedern und Freunden auf der Bühne des "theaters die Wohngemeinschaft" gefeiert: Anke Fuchs, Michael Heide und Cris Revon von der Lesebühne "Ein Abend namens Gudrun" haben bereits zugesagt. 

Klappentext:
In Christian Gottschalks Glossen, Geschichten und Liedern finden exakte Alltagsbeobachtungen, lakonische Jugenderinnerungen, überraschende Ideen, alberner Sprachwitz, sonderbare Meinungen und hingeschluderte Kapitalismuskritik zu einem friedlichen Miteinander. Menschlich großzügig aber sprachlich eher pingelig befasst er sich mit Vicky Leandros' Schlafzimmeraugen ebenso wie mit kleinen Teddybären am Rucksack oder dem unverständlichen Wunsch nach Sex auf Flugzeugtoiletten. In seinen Liedern beschreibt er enttäuschende Drogenerfahrungen und suizidale Paarhufer, außerdem verfasste der mutige Künstler den weltweit ersten Protestsong gegen den zweiten Plotpoint in Drehbüchern. Die Titelgeschichte erzählt von sympathisch-sonderbaren Jugendlichen in der niedersächsischen Provinz. Ergreifen Sie eine einmalige Gelegenheit und werden Teil einer überaus freundlichen Bewegung: Dem Buch liegt ein Mitgliedsausweis der Vereinigung der Freunde des Münzfernglases bei.

Zehn Jahre lang schrieb Gottschalk die beliebte „Haldemann“-Kolumne für die Kölner „StadtRevue“, außerdem von 1999 bis 2005 die Kolumne „Gottschalk sagt“, zunächst für die Kölner Woche, dann in der Regionalausgabe der taz. Er schrieb und sprach Glossen für WDR 3, WDR 4 und Deutschlandradio. Heute schreibt er für die WDR-Print, „Exot – Zeitschrift für komische Literatur“ und für die Wahrheits-Seite der taz. Er ist Mitglied der monatlichen Lesebühne „Ein Abend namens Gudrun“ und tritt bundesweit auf Kleinkunstbühnen und bei Poetryslams auf. Christian Gottschalk wohnt in Köln.

Das sagt die Presse

"Mit Gitarre und feinem Wortwitz" (Kölner Wochenspiegel)

"Mal feingeistig, mal albern, aber nie langweilig" (Neue Ruhr Zeitung)

"Nörgelt sprachlich anspruchsvoll" (Kölner Stadtanzeiger)

"Ein Meister, wenn es darum geht den Alltag etwas kritischer unter die Lupe zu nehmen" (Porz am Montag)