Eins gebe ich jedem Besucher aus der Fremde mit auf den Weg, bevor ich ihn in Köln alleine herum laufen lasse: Sagt ein Kölner in diesem für den Kölner typischen gutturalen Tonfall zu Dir, er sei ein “ruhijer Typ”, wobei seine Halsschlagader leicht anschwillt, dann nimm die Beine in die Hand. Übersetzt heißt das nämlich: Ich werde Dich gleich hauen. Oder auch, wie der für seinen Frohsinn bekannte Kölner es gerne ausdrückt: “Ich schlage Dir eine Treppe in Fresse, dann kannst Du Dein Frühstück runtertragen”. Klingt auf Kölsch ungefähr so: “‘chschlochdirntreppindefresskannsfrühstöckrungertroche”. Doch im Allgemeinen kommt man mit den Hiesigen gut zurecht. Sie sind gesprächig und gesellig. Nie war eine Kampagne wahrer als jene der Kölner Polizei, in der es heißt: “Kölner lassen keinen allein” - sie tun es nämlich nicht einmal, wenn man sie lieb darum bittet. An sich hätte der Kölner das Zeug zu einem Eins-A Seperatisten, vielleicht hat sich die kurdische Arbeiterpartei PKK deshalb in Köln stets so wohl gefühlt. Man macht sich regelmäßig Sorgen um den Erhalt regionaler Eigenarten und der Sprache, man hat einen Hang zum Schnauzbart und man bietet gern nervige Folklore in sonderbaren Kostümen dar. Man verfügt über ein klares Feindbild, Düsseldorf, und einen völlig übertrieben Lokalpatriotismus. Dem Kölner gilt alles unterhalb von “Liebe” zu seiner Stadt als Verrat. Wer nach dem Wochenendausflug in die Eifel beim Anblick des Doms vor lauter Wiedersehensfreude keine Tränen in die Augen kriegt, der ist kein richtiger Kölner und hat kein “Hätz”. Wer kein richtiger Kölner ist, erregt beim Kölner eine Mischung aus Mitleid und Misstrauen (ähnlich wie andernorts vielleicht ein behinderter Ausländer). Für den Kölner ist das Kölner sein ein Wert an sich, es ist ein wesentlicher Teil seiner Identität, ein gewisser Vorteil in Zeiten der Massenarbeitslosigkeit. Kölner bleibt man auch ohne Job. Das Organ der täglichen Selbstvergewisserung ist in erster Linie die Boulevard-Zeitung “Express”. Im “Express” tummelt sich das übliche lokale Boulevardpersonal, dass sich aus “Charity-Ladys”, “Party-Königen”, “Promi-Wirten”, Friseuren, Schlagersängern und unterschiedlich spezialisierten “Ludern” und “Girls” zusammensetzt. Wir haben aber noch eine “Motto-Queen”, die ca. seit 1930 alljährlich das Mottolied des Kölner Karnevals schreibt (und singt!) und etliche Mundart-Gruppen, die ganzjährig Präsenz zeigen. Außerdem Bütten-Redner, die sich gegenseitig des Witzdiebstahls bezichtigen, wobei es um Witze geht, die unsereiner nicht einmal geschenkt haben möchte. Es gibt die Funktionäre des organisierten Karnevals und aktuelle und ehemalige Dreigestirne. Erklären Sie mal Besuch aus Amerika, warum über einen erwachsenen Mann als “ehemalige Jungfrau” berichtet wird (“Sind wir das nicht alle, John? John!?”). Erklären Sie dem Besuch danach, warum sich ein harmloser Stimmungssänger unbedingt “King Size Dick” nennen muss. Auf dem Kölner Prominenten-Friedhof Melaten hat der Sänger bereits eine recht pompöse Grabstätte gekauft. Aufschrift: “Familie King Size Dick”. Die Pietät verbot es mir bislang, dort mit einem Edding etwas sehr, sehr pubertäres zu tun. Irgendwann Anfang der Neunziger hatte ich mal vorausgesagt, dass der “Express” dicht machen muss, wenn Willy stirbt, der FC absteigt und sich die Bläck Fööss trennen, denn zusammen waren sie fünfzig Prozent des Inhalts. Willy starb, der FC stieg ab, Thommy Engel verließ die Bläck Fööss - der “Express” wählte “Kölns frechsten Köbes”. Köbesse sind von KölnTourist zur Unfreundlichkeit verpflichtete Servicekräfte, die beim Köbeskurs der Kölner IHK lernen, eine Bestellung von Mineralwasser mit den Worten: “Simmer hier im Müttergenesungsheim?” zu kontern. Ist gerade ausnahmsweise kein Karneval müssen sie im “Express” die Identitätsheimer geben, und sie tun das gerne. Sind die Köbesse durch, wird bei der “Akademie für uns kölsche Sproch” angerufen und nachgefragt, ob uns kölsche Sproch nicht irgendwie bedroht ist. Dann werden im “Express” lustige Kölner Ausdrücke für Obst und Gemüse neben kölschen Schimpfwörtern abgedruckt. Und ab November ist ja auch schon wieder Karneval. Die “tollen Tage” dann sind die überdosierte Depotspritze Kölner Identität. Hier wird unter fünftägiger örtlicher Betäubung das Gehirn gewaschen, bis jeder die Behauptungen, aus denen Köln besteht, wirklich glaubt und der Schunkelreflex Eingang ins vegetative Nervensystem gefunden hat. Mit fatalen Folgen: Nur in Köln wird auch bei der Gedenkveranstaltung für die ermordeten Edelweißpiraten geschunkelt. Ich wohne wirklich gern hier, doch manchmal braucht es dazu schon den sprichwörtlichen westfälischen Humor.
(Aus: Kölnbuch, Verbrecherverlag, 13€)
Freitag, 23. November 2007
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