Freitag, 30. November 2007

Lotto

Ab und zu überkommt mich das Bedürfnis, etwas zu tun, das alle machen, mich einer kleinen Hysterie anzuschließen. Nicht, dass ich sonst ein besonders extravagantes Leben führen würde oder bereits beim Frühstück über Architektur unter Gendergesichtspunkten diskutieren würde, nein, ich bin ganz gewöhnlich, ich habe sogar ein Lieblings-Spice-Girl. Allerdings habe ich eine kleine einfache Strategie, die mir viel Verdruss erspart, Verdruss wie er durch den Besuch von Weihnachtsmärkten, Mediamarkt-Eröffnungen, Fitnessstudios, Filmpremieren oder After-Job-Parties entsteht. Verdruss, wie ihn der Besitz von Aktien, Tätowierungen, Tretrollern oder Freunden, wie aus einer Ferrero-Werbung verursacht. Und zwar meine ich jetzt nicht „einfach immer pleite sein“, sondern „man muss ja nicht alles mitmachen“.

Heute aber wollte ich mich im Mief der Mehrheit wärmen, verbunden mit der Chance, ein extravagantes Leben führen zu können und habe einen Lotto-Schein ausgefüllt. Eigentlich bin ich mehr so der Rubbellostyp, aber hat Gregor nicht gestern bei Stefan Raab noch davon gesungen, man könnte auch mal „was Verrücktes tun“? Ich weiß nicht, woran Gregor dabei dachte, Himbeereis zum Frühstück oder Rock’n’Roll im Fahrstuhl, ich habe zwei Kästchen gespielt für 1,85 Euro. Vielleicht beginnt meine nächste Kolumne schon mit den Worten: „Ganz schön heiß hier, aber das DSL-Signal ist zwei Kilometer vor der Küste immer noch recht gut.“

Wozu spielen eigentlich diese Leute Lotto, die immer sagen, sie würden auf jeden Fall weiter arbeiten? Es ist ja nicht so, dass sie besonders wichtigen oder interessanten Berufen nachgingen, wie Kinderherzchirurg oder Schlagersänger. Sie haben Chefs. Sie haben gleitende Arbeitszeit. Sie essen in Kantinen. Sie wollen „auf jeden Fall weiter arbeiten“. Ich weiß, dass wir in diesem Land fast alle ein neurotisches Verhältnis zur Arbeit haben, aber was zu weit geht, geht zu weit. Es ist asozial, als Millionär einen der begehrten Arbeitsplätze zu besetzen, nur weil man sonst nichts mit sich anzufangen weiß. Sollen sie doch einfach Drogen nehmen, wenn sie sich langweilen, wie andere Millionäre auch.

Mir würde schon eine vergleichsweise geringe Summe ausreichen, um sofort zu kündigen. Je nach Gewinnhöhe würde es mit dem Arbeiten auch zeitlich etwas knapp, da ich Besuche in New York, Kambodscha, Nairobi und auf Sansibar zu machen habe. Und dann ist da noch die Donau, das letzte Abenteuer für den Sportbootführer (Binnen). Und das ist schon das Schöne an Lotto, diese Zeit bis zur Ziehung, in der man sich ausmalt, was man alles mit dem schönen Geld machen könnte. Kollege B. aber meinte, kurz nachdem er erzählt hatte, wie er „die Heidi“ in sein Fotostudio einladen würde, und zwar sehr ernst: „So halten sie uns ruhig“. Sollte es ausgerechnet nächste Woche in Deutschland zu umstürzlerischen Aktivitäten kommen
, erreichen sie mich mit einer Wahrscheinlichkeit von in der Schweiz.

5 Kommentare:

Gunther von der Weiden hat gesagt…

Mein lieber Christian,
nicht, dass ich Dir das Geld nicht gönnte. Aber Du weißt, Kinder kosten Geld und da ich ja nun vor ein paar Monaten Vater geworden bin, finde ich, steht mir das Geld eher zu.
Ich hoffe, Du verstehst und bist nicht allzu sehr enttäuscht.
Sieh es doch mal so. Besser ich gewinn die Millionen als irgendwer, der damit Schindluder treibt (Waffen, Drogen, Weiber usw.).
Übrigens: Wenn die 38 Mille auf meinem Konto sind, werd ich eine Runde Kölsch im Connection geben. Sogar mit Nüsschen!
Das findste doch auch gut. Irgendwie. Ein Stück weit. Oder?
Außerdem mach ich dann meine CD fertig, damit ich auf die Frage "Wann kommt denn nun Deine CD?" nicht mehr mit "Das wüßt ich auch gern" antworten muss. Das klingt nämlich uncool und gar nicht nach Rock`n Roll.
Alles in allem also doch überzeugende Argumente, mich gewinnen zu lassen, oder?
Also. Drück mir die Daumen.
Ich drück sie Dir dann nächste Woche. Von Mauritus aus.
Beste Grüße
Gunther

Gunther von der Weiden hat gesagt…

Ich und meine Große Klappe...

So hieß früher eine Serie in MAD. Neben "Spion und Spion" und "Der Schatten bringt es an den Tag" einer der gaaanz großen Dauerbrenner. Und offenbar immer noch hoch aktuell.
Um es kurz zu machen: Gewonnen hab ich nix.
Mittwoch werde ich ein Vermögen in den Tippladen neben dem "Fischfachgeschäft Mücke" tragen.
Aber es wird sich lohnen.
Ich spüre solche Schwingungen...
Oder liegt es am Rotwein?
Gunther

Christian Gottschalk hat gesagt…

Ich habe auch nichts gewonnen.

Smithee hat gesagt…

Da ich gar nicht erst mitgspielt habe drängt sich mir die weitaus interessantere Frage auf: welches ist denn das Lieblings-Spice Girl?

Christian Gottschalk hat gesagt…

Endlich fragt mich jemand! Ich wollte schon ein Preisausschreiben draus machen. Die grundsympathische Mel C. aka Sporty Spice natürlich. So wie man bei Sarah Connor immer Delmenhorst (Eisdielenprinzessin, krokantbechergestählt) mitdenken muss hat Mel C. stets ein Stück englische Arbeiterklasse (Unterhemdvater: "Mel, vergiss niemals wo Du herkommst!") im Handtäschchen. (Ich glaube ich gründe die "Spex Young Miss") dabei ist sie ganz Dame und außerdem, nennt mich Spießer, im neuen Video die einzige, die anständig gekleidet ist.