Samstag, 15. März 2008

Stilvoll scheitern...

...heißt ja erstmal als Geschlagener seine Würde zu bewahren. Ganz eindeutig auf Platz eins der Bestenliste: Jack Sparrow gleich am Anfang von „Fluch der Karibik“ erster Teil. So, nur so, verlässt man ein sinkendes Schiff. Wenn es die Umstände erlauben.

Platz zwei: Charlie aus der Fernsehserie "Lost“. Er bekommt von Sawyer eins auf die Fresse, wischt sich das Blut ab und sagt: "Du schlägst wie 'ne Schwuchtel". Ist vielleicht schwulenfeindlich dient aber in diesem Falle der maximalen Beleidigung des Kontrahenten, der ein Macho ist. Ist also erlaubt. Ab einer gewissen Menge Blut im Mund, darf man ohnehin erstmal viel. Es gibt noch andere Beispiele, im Frühwerk von Marius-Müller-Westernhagen mit Sicherheit, mir fällt aber gerade keins ein.

Platz drei ist anders gelagert. Er besticht allein durch den riesigen finanziellen Schaden: Nick Leeson ruinierte 1995 mit 27 Jahren im Alleingang die Barings Bank. Ein 233 Jahre altes Traditionsunternehmen. Nachdem er geflohen war fanden Mitarbeiter einen Zettel an einem Computer auf dem stand: "Es tut mir leid". Leesons Fehlspekulationen führten zu einer weltweiten Devisenkrise, es dauerte fast ein Jahr bis die Finanzmärkte sich wieder halbwegs erholt hatten. Leeson fiel während dieses Teils seiner Karriere nicht unbedingt durch guten Stil auf, er trank zuviel, neigte zu Pöbeleien und zeigte einer Stewardess seinen nackten Hintern. Seine Flucht endete schließlich am Frankfurter Flughafen durch Festnahme. Er wurde bereits nach 4 Jahren wieder aus der Haft entlassen, was ich in Ordnung finde. Er hat schließlich niemandem etwas getan. Heute hält er Vorträge. Und ist ein gefragter After-Dinner-Speaker. Ich stelle ihn als Platz drei der stilvoll Gescheiterten mal zur Diskussion.

Irgendwo auf den hinteren Plätzen müsste auch ich zu finden sein. Vom Redakteur zum Nachtportier, das gilt in unserem Kulturkreis nicht gerade als Aufstieg. In keinem eigentlich. Als Autor werde ich gerne mit den Worten auf Veranstaltungen eingeladen: „Also, Geld gibt es natürlich keins.“ Ich frage mich langsam, was das für eine natürliche Ordnung ist, in der ich nie Geld kriege. Ach ja, stimmt ja: Kapitalismus. Der bietet zumindest klare Definitionen für „Scheitern“: Haste nix, biste nix!

Allerdings können sich gerade die, die sich immer so sicher gefühlt haben, schon lange nicht mehr auf ihn verlassen,denn:

Die Arbeitslosigkeit erreicht die Mittelschicht. Hoch qualifizierte junge Menschen aus total hippen Branchen wie Reklame, Computer und so müssen stempeln gehen. Wahrscheinlich werden wir in wenigen Jahren Bettler sehen, auf deren Schildern Sachen stehen wie: “Sharing makes a better world! Jochen - begging as solution”. Am Chlodwigplatz wird dann nicht mehr abgehangen, da finden Meetings statt. Keiner hat Geld, aber alle haben Visionen und denken sich Content für ihre Pappschilder aus.
Jeder hat seinen UBP (Unique Begging Point) entwickelt, der ihn ganz doll von den anderen Schnorrern am Markt unterscheidet. Einer versucht sein Konzept “Kundenorientiertes Betteln - Eine Win-Win-Situation” gegen eine Zweiliterflasche Rotwein an den Mann zu bringen. Doch niemand interessiert sich dafür. Der Einzige, dem sie ein paar Kippen für einen guten Tipp geben, ist der, den sie “Börsen-Richie” nennen. “Börsen-Richie” hat mehr Schulden als der Staat, erzählt man sich hier. “Börsen-Richie” weiß, hinter welchen Supermärkten die besten Container stehen, mit lecker abgelaufenen Sachen drin, wann es wo die besten Armenküchen gibt und wie man einen Humana-Container knackt. In jedem Geschäft hat der Richie seine Finger mit drin.
Am Schlimmsten dran sind die Leute aus den kleinen Internet-Klitschen. Sie haben ja nichts anständiges gelernt. Wie sollen der Content-Manager von www.frittenbuden-im-ruhrgebiet.net und der Web-Designer, der www.fliesen-müller.de realisiert hat, sich im Wettbewerb behaupten?
“www.am-arsch.de”, brüllt einer, der ein abgeschabtes Foto eines Audi TT in den Händen hält. “Das war'n schönes Auto,” krakeelt er, “www.verfickte-scheiße.de, ‘n schönes Auto!!”.
“Der hat sich echt aufgegeben,” sagt Lukas, der Streetworker. Er ist beliebt, er spricht die Sprache der Menschen hier, denn früher war er auch Web-Designer. Er hat dann eine Umschulung zum Sozialarbeiter gemacht.
Plötzlich wird es laut unter der Severinstorburg. Zwei Betrunkene sind aneinander geraten : “Du hast mich damals entlassen, Du Sauhund!!” - “Ja, klar: Du hattest doch ausgerechnet, das wir Dich einsparen können!” - “Die Human Recources sind das wichtigste Kapital eines Unternehmens!!” - “Shareholder value!! Shareholder value!!” - “Wir müssen an den Mittelstand ran!!” - “Jau!!”
“So geht das jeden Tag mit den beiden”, sagt Lukas, “Am Schluss finden sie immer eine Marktlücke und gründen eine Firma. Jeden Tag.”

Eine Definition von Scheitern ist zurückgehen. Wer mit 38 Jahren wieder bei seinen Eltern einziehen muss, weil er nach der Scheidung nichts mehr auf die Reihe bekommen hat, ist ziemlich eindeutig gescheitert. Vorerst.

Eine andere Vorraussetzung für Scheitern ist vor allem, etwas zu versuchen, etwas anzufangen. Versucht es aber einer, erhebt er sich über die anderen und muss am Ende zurück in ihre Reihen, ist ihm die Gehässigkeit der anderen sicher. Derer, die stehen geblieben sind. Ich belauschte mal bei Merzenich einen Kölner Fensterputzer, der von einem Kollegen erzählte, der eine ganze Firma aufgebaut hatte, mit x Angestellten und allem und 7ner BMW und Pipapo. Irgendwann ging die Firma den Bach runter und den letzten Satz des Kölner Fensterputzers bei Merzenich, geäußert in aller Selbstgefälligkeit die der kleine Mann, der es nie versucht hat, der nie irgendetwas versuchen wird, aufzubringen hat, diesen Satz werde ich nie vergessen: „Un jetzt läuft er widder mittem Emmersche eröm!“

Was mich angeht, kostet es ab sofort Geld, mich zu buchen. Von ganz wenigen Ausnahmen abgesehen. Wenn es schief geht: Egal. Dann geht er eben widder mittem Hötsche eröm!

3 Kommentare:

Smithee hat gesagt…

Gute Entscheidung, richtig so!
Wie sagte man bei uns im Münsterland früher so schön: Wat nix kost, is nix!

Erdge Schoss hat gesagt…

Recht so, werter Herr Gottschalk,
Barfuß oder Lackschuh.

Herzlich
Ihr Erdge Schoss

Anonym hat gesagt…

Na endlich, Herr Gottschalk!

Wohin darf ich den Vorab-Scheck schicken?