In der 6. Klasse hatte ich Werken bei Herrn Mosch. Herr Mosch, den ich, vor allem weil er mein Werklehrer war, überhaupt nicht leiden konnte, hat glaube ich einigen Anteil daran, dass ich bis heute einen Bogen um harte Drogen mache. Im Werkunterricht mussten wir mit diversen Holzraspeln bewaffnet aus einem groben Holzklotz einen Igel formen. Nach vielen, vielen Doppelstunden grausamer Kinderarbeit, drei viertel der Klasse hatten schon eins A Igel produziert, hatte auch mein Holzklotz annähernd die Form eines Igels (oder wahlweise eines modernen Kleinwagens). Leider war ich mittlerweile so mit den Nerven am Ende, dass ich von den als Stacheln dienenden Nägeln keinen einzigen mehr gerade ins Holz schlagen konnte. Ich bekam eine vier. Ich beschloss fortan Werkbänke, Raspeln, Hobel, Feilen und Schmirgelpapier zu meiden. Meine Eltern und Geschwister hatten so das Glück, immer schöne gekaufte Geschenke von mir zu Weihnachten zu bekommen und nie selbst gebastelten Schrott.
In der Krefelder Straße befindet sich ein Schaufenster der Werkstätten der Drogenhilfe. Manchmal verweile ich davor und schaue mir die ausgestellten Exponate an. Naiv gestylte Modellautos aus Altmetall, originelle Kerzenständer, dreieckige Ohrringe und kunstvoll verzierte Aschenbecher sagen: “Siehe, wie geschickt ehemalige Drogensüchtige seien können. Wer so schöne Aschenbecher zusammenlötet, wird auch bald wieder einen Arbeitsplatz haben und seinen Platz in der Gesellschaft finden!” Dieses Schaufenster ist für mich eine weitaus bessere Drogenprävention als jede aufwendige Kampagne des Bundesgesundheitsministeriums. Unter Anleitung einer Sozialarbeiterin mit Zusatzausbildung aus gebrauchtem Sanitärzubehör Kerzenständer zu basteln, ist schlimmer als Raspeln unter Herrn Mosch. Und dass das Ergebnis meines gebrochenen Willens dann noch im Schaufenster ausgestellt zu sehen, ist eine Zumutung. Deshalb will ich niemals drogensüchtig werden. Denn ich müsste es dann für immer bleiben. Nur weil ich Werken hasse. “Halt!” ruft Hubert, der Sozialarbeiter “Du stellst das total unfair dar! Für unsere Klientel ist das unheimlich wichtig!” Genau das ist das Problem. Was ich sagen wollte ist, ich bin froh, dass mein gnädiges Schicksal mich nie in Versuchung führte, den Verlockungen des Heroins zu erliegen. Es ist ja auch finanziell ein Problem: Die Fixkosten sind einfach unheimlich hoch. So, ich muss jetzt aufhören. Hier in der Betty-Ford-Klinik beginnt jetzt mein Seidenmalerei-Kursus.
Freitag, 25. April 2008
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4 Kommentare:
Yeah! Rock´nRoll...danke.
Halleluja, Herr Gottschalk! Sie sind ja schon wieder ein Bum...
Aber es sei Ihnen verziehen, ich mag diesen Text! Auch wenn's strenggenommen Bashing ist...
Herr Mosch ! Als ich den Namen las kam die Erinnerung, es war wirklich so grausam. Pädagogisch eine komplette Nullnummer, zusätzlich menschlich unangenehm. Beschmiß Schüler gerne mit seinem schweren Schlüsselbund, wenn sie seiner Meinung nach nicht aufmerksam waren. Christian, Du hast mit deiner Note noch Glück gehabt, der verteilte auch 6en im Werkunterricht...
Beim Vorbeilaufen an beschriebenem Schaufenster überkommen mich auch immer die gleichen Regungen, nur könnte ich sie nie so in Worte packen. Dank Dir habe ich jetzt begriffen, warum auch aus mir kein Junkie werden konnte...
jetzt bin ich natürlich sehr neugierig, wer Du bist!
Christian
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