Sonntag, 6. Dezember 2009

2. Advent

Die Fälle des Pathologen und Ermittlers Martin Graupner (2)

Die Weihnachtsmannmütze im Park


Die Weihnachtsmannmütze liegt in der Pfütze im Park, sie ist stark verschmutzt, ich kann noch nicht mit Sicherheit sagen, ob hier überhaupt ein Verbrechen vorliegt. Doch wenn es sich, wie ich vermute, bei dem blassrosa Fleck auf dem ehemals weißen Plüschbesatz um menschliches Blut handelt, kann eine Straftat nicht ausgeschlossen werden. Es ist dunkel, es regnet, es wird schwer sein, hier noch Spuren zu finden. Ich lasse das Licht der Stablampe wandern. Vielleicht ist da ein Stein, mit dem einer dem anderen den Schädel eingehauen hat, angenommen, sie kamen von einer Weihnachtsfeier, der Alkohol floss in Strömen, sie torkelten Arm in Arm durch den Park, teilten sich Schnaps aus der Flasche, dann ein unbedachtes Wort und die ganze Feiertagslaune war dahin. Einer wird wütend, nimmt einen Stein, schlägt zu. Das geht ja manchmal schneller als man denkt. Schädelfraktur, Gehirnblutung, Exitus. Ohne Leiche kein Fall sage ich immer, doch dass hier lässt mir keine Ruhe. Obwohl es genau genommen nicht in meiner Zuständigkeit liegt. Ich suche systematisch, doch in den Büschen nur das übliche: Leere Pillenpackungen, Hundekot und Kondome. Vielleicht schleppte sich das Opfer schwer verletzt von hier fort, und der Tod trat später ein, in einiger Entfernung vom Tatort. Jeder stirbt für sich allein, sagt man doch. Oder der andere schulterte die Leiche, dabei fiel die Mütze herab, er schleppte ihn schwankend an einen anderen Ort. Der hat wohl zu viel getankt, dachten die Passanten, Schnaps das war sein letztes Wort. Dann warf er ihn in einen See vielleicht. Oder in einen Müllcontainer. Nur in Krimis gibt es Motive, hat jeder Mord einen Sinn. Im wirklichen Leben reichen ein paar Promille und eine Beleidigung. Ich weiß nicht, wie lange ich diesen Beruf noch ausüben kann. Jeder neue Fall geht mir mehr an die Nieren, vor allem in letzter Zeit. Der Mensch ist des Menschen Wolf, so ist es doch. Ich muss das Beweisstück sichern, die Mütze muss ins Labor. Mit der Pinzette hebe ich die Mütze in die Plastiktüte und verschließe sie. Ich beschrifte das Etikett. Mehr kann ich im Moment für das Opfer nicht tun. Auch wenn er ein schlechter Mensch war, hat er post mortem ein Recht darauf, dass sein Mörder gefasst wird. So mache ich eben weiter. Weil hier sonst alles den Bach runter geht. Weil wir die Ordnung aufrechterhalten müssen. Das ist die Arbeit. Niemand sieht mich dabei. Die Regentropfen auf meiner Brille brechen das Licht der Laterne und vervielfachen es, das Wasser rinnt mir in den Kragen, es wird Zeit: In der Klinik erwartet man mich bereits.

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